Ohne moderne Kunst wäre Wien Provinz, erklärte MUMOK-Direktor Edelbert Köb anlässlich der Eröffnung der Ausstellung Genau + anders in seinem Museum moderner Kunst im Museumsquartier. Ausstellungsthema ist die Mathematik in der Kunst. Kultur - so fand Wiens Herrscher über die moderne Kunst - Kultur, die ausschließlich nach rückwärts gerichtet ist, verdient das Etikett Provinz. Provinz – zwar auf höchstem Niveau – so Köb, aber eben doch Provinz.
Inzwischen ist die perfekt geschmierte Werbemaschinerie für Tutanchamun in Wien voll angelaufen, eine Ausstellung, die exakt jenem traditionellen Denken verhaftet ist, das Köb zu Recht kritisiert. Die „Provinz“ schlägt zurück. Das Gold der Pharaonen ist meisterhaft präsentiert, die Ausstellung ist ein vorprogrammierter Erfolg. Das Kunsthistorische Museum zeichnet dafür mit verantwortlich. Tatort: das Wiener Völkerkunde-Museum, das unter der Verwaltung des Kunsthistorischen steht.
Im Völkerkundemuseum ist außer der Ägypten-Ausstellung nichts zu sehen. Das Haus ist offiziell noch im Umbau. Was draus wird, wenn’s fertig ist? Das Kunsthistorische zeigt es vor: Runderneuerte imperiale Pracht. Wunderschön, diese verklärte Welt von gestern mit fachgerechtem Facelifting. Ich möchte jedoch dafür nicht wie Edelbert Köb den Ausdruck „Provinz“ verwenden. Die sogenannte „Provinz“ ist nämlich alles andere als „provinziell“.
Ich erinnere mich noch gut an eine Ausstellung im Schloss Eggenberg bei Graz. Das ist zwar schon einige Jahre her, aber sie hat mich so beeindruckt, dass ich noch heute gerne daran denke. Es ging um den Turm zu Babel und um das Sprachengewirr – ein Thema, das gut in das aktuelle Jahr der Sprachen passt. Diese wirklich sensationelle Ausstellung ist übrigens von niemand Geringerem kuratiert worden, als von dem scheidenden KMH-Generaldirektor Wilfried Seipel.
Warum ich diese längst vergangene Ausstellung als „sensationell“ bezeichne? Da wurde etwas gemacht, was die derzeit präsenten Ausstellungskuraktoren offenbar strikt vermeiden: einen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Brueghels Kolossalgemälde vom Turmbau zu Babel, der ägyptische Rosettastein – seinerzeit von Napoleons Truppen geraubt - und die nazideutsche Chiffriermaschine Enigma friedlich nebeneinander – eine Themenausstellung, die Malerei, Archäologie und Zeitgeschichte unter einen Hut brachte.
Seipel ist Ägyptologe, das Wiener Kunsthistorische Museum hat eine beachtliche Ägyptensammlung. Dazu bietet sich die einmalige Chance, eine Auswahl der Pharaonenschätze aus dem Ägyptischen Museum in Kairo für eine Sonderausstellung nach Wien zu bekommen. Was für Zutaten, für eine Themenausstellung von Format! Zu früh gefreut. Schade. Ja, es ist alles wunderschön – Gold verfehlt nie seine Wirkung. Es ist gekonnt gemacht - Ausstellungsarchitektur vom Feinsten. Wien ist um ein kulturelles Highlight reicher. Wien kann jubeln: Wir sind Museum.
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