Restitution? - Schmecks!

Rosetta, Nofretete & Co:

SIND ANTIKE MUSEUMSSCHÄTZE „RAUBKUNST“? 

Geschichte, Museen und Archäologie liefern nur dann Schlagzeilen, wenn es um Rechte, Geld und Eigentum geht. Das passende Schlagwort dazu heißt Raubkunst. Diese Trumpfkarte wird stets dann ausgespielt, wenn irgendeiner von einem anderen etwas zurück haben will.  

Die Kunst der alten Ägypter etwa, das ist so ein Zankapfel. Der legendäre Rosetta-Stein und die Büste der Nofretete haben eines gemeinsam:  Sie stammen aus Ägypten und sie zieren europäische Museen. Für die modernen Ägypter ein klarer Fall von Raubkunst. „Wir haben nichts zu verschenken!“ – so lautet das Credo von Zahi Hawass. Nicht nur dann zum Besten gegeben, wenn es um die geschmalzenen Eintrittspreise für europäische Ägypten-Ausstellungen geht, wie jüngst in London oder in Wien. Diese Ausstellungen wurden ausschließlich mit Leihgaben aus Ägypten gestaltet. Dementsprechend fließt auch der Löwenanteil der Einnahmen nach Ägypten.

Retter der altägyptischen Hochkultur

Wer ist dieser Zahi Hawass, von dem in solchen Diskussionen stets die Rede ist? Der Mann mit dem Cowboyhut als Markenzeichen, der sich medienwirksam als Retter der ägyptischen Hochkultur vergangener Tage  aufspielt, ist Ägyptens starker Mann in der Altertümerverwaltung in Kairo. Nachdem er sich mit seinen Rückgabeforderungen sowohl vom British Museum in London – die haben den Rosetta-Stein – als auch vom Berliner Ägyptischen Museum, wo Nofretete thront, eine energische Abfuhr geholt hatte, verlegt er sich aufs Verhandeln: Wenigstens einmal für eine Ausstellung herborgen…. Bitte….

Alles, was für die Nazi-Raubkunst gilt

Offenbar haben der Restitutionsstreit in Wien um Klimt-, Schiele- und Egger-Lienz-Bilder, sowie die Beschlagnahme von Wiener Leihgaben anlässlich einer Ausstellung  in New York den Indianer-Jones-Verschnitt vom Nil auf gute Ideen gebracht: Raubkunst ist Raubkunst, egal ob im Sog der Naziverbrechen oder als Folge der europäischen Ägyptomanie. Unrecht bleibt Unrecht. Einzige saubere Lösung: Eine sofortige Rückgabe des unrechtmäßigen Besitzes.

Der lange Weg von Nofretete nach Berlin

Die Kalksteinbüste der ägyptischen Königin Nofretete kam 1913 nach Berlin. Das deutsche Archäologenteam unter Borchardt hatte sie zusammen mit anderen Schätzen in Amarna ausgegraben. Die europäischen Archäologen bekamen zu dieser Zeit  für ihre Arbeit von den ägyptischen Behörden ganz offizielle Grabungslizenzen. Die besten Plätze für diese archäologische Forschungstätigkeit hatten jedoch bereits die englischen und französischen Teams. Sie waren die Ersten am Tatort.

Für die Deutschen blieb die „2. Wahl“ – Amarna, die Kurzzeit-Hauptstadt des Echnaton. Unter seinem Nachfolger Tutanchamun waren Hof und Macht wieder nach Theben zurück gekehrt. Amarna war schon in der Antike ein verlassener Ort, ein Trümmerhaufen. Ob da wirklich was zu holen wäre?  Die Pharaonen hatten sicher ihr gesamtes Familiensilber beim Umzug wieder mitgenommen. Und dann tauchte Nofretete im Wüstensand auf. Die Grabungslizenzen bestimmten, dass die Funde zwischen Ägypten und der jeweils forschenden Nation geteilt wurden. So kam Nofretete ganz legal nach Berlin.

Umkämpfte Kriegsbeute Rosetta-Stein

Die Geschichte des Rosetta-Steines ist komplizierter.  Der Bastaltstein mit seiner dreisprachigen Inschrift ermöglichte die Entzifferung der bisher unverständlichen Hieroglyphen: Eine dieser drei Sprachen war griechisch, also eine uns bekannte Sprache. Die Soldaten stießen auf den Stein, als sie einen Schanzgraben ausheben wollten. Der französische Ägyptenfeldzug war offenbar bereits als Beutezug geplant, denn Napoleon hatte neben seinen Kampftruppen auch eine Riege von Wissenschaftlern mit in den Krieg genommen. Diese Fachleute erkannten sofort die Bedeutung des Fundes und ließen gleich an Ort und Stelle Kopien des Steines für die Dechiffrierung des Hieroglyphen-Textes anfertigen.

Dass im Louvre in Paris jetzt eine Kopie des Rosetta-Steines steht, das Original aber in London, war eine weitere Kriegsfolge. Auf der Heimfahrt von Ägypten wartete auf die siegreichen Franzosen eine böse Überraschung, nämlich Nelson mit der britischen Armada. Die Briten siegten und nahmen den Franzosen ihre Beute ab. Napoleon musste froh sein, dass er seine Haut retten konnte. Natürlich ließ er in der Folge nichts unversucht, um seine kostbare Kriegsbeute zurück zu bekommen. Als er dann in der Verbannung schmorte und in Wien der Kongress tanzte, teilten die damaligen Siegermächte -  Österreich, Preußen und Russland -  die Welt neu auf. Der Status quo für England wurde festgeschrieben und der Rosetta-Stein blieb in London.

Unter Zwang verkauft gilt nicht

Die Rückgabeforderungen der Ägypter  werden mit dem Recht auf ihre kulturelle Identität begründet.  Damals ein ausgebeutetes Dritte-Welt-Land – heute ein ebenbürtiger Partner. Das heißt, die Machtverhältnisse haben sich verschoben, und die  Karten sind neu gemischt. Das Unrecht von gestern muss gut gemacht werden. Auf derselben moralischen Ebene liegen die  Forderungen der Erben von Naziopfern. Darunter fallen nicht nur geraubte Güter sondern auch jene Kunstschätze, die unter Zwang verkauft wurden. Das heißt, man darf sich nicht darauf ausreden: „Verkauft ist verkauft!“ Man muss mit in Rechnung stellen, dass die fraglichen Stücke ohne den Zwang durch die gegebene Situation niemals verkauft worden wären. Und schon gar nicht zu einem Spottpreis.

Tausche Erdäpfel gegen Klavier

Im Wien des Wiederaufbaues gab es einen bitterbösen Witz: Ein Wiener fährt mit einem großen, prall gefüllten Rucksack mit der Franz-Josefs-Bahn Richtung Waldviertel und wird vom Schaffner wegen seines Gepäcks beanstandet.

Schaffner: Der Rucksack ist viel zu groß. Was ist denn da drinnen?

Fahrgast: Erdäpfel!

Schaffner:  Sind’s narrisch?! Was wollen S‘ denn mit den Erdäpfeln im Waldviertel?  Die haben doch dort  selber mehr als genug!

Fahrgast: Stimmt. Im 45er Jahr haben wir dort g’hamstert. Jetzt schau ich, ob ich mit den Erdäpfeln mein  Klavier wieder zurück krieg‘! 

Welche Bummerln zählen wir mit 

Meine Mutter hat ebenfalls alles, was sie besaß, eingetauscht, damit wir in der Nachkriegszeit nicht verhungert sind. Eine alte Dame aus meinem Bekanntenkreis erzählte die Geschichte, wie sie zufällig bei einem Wiener Promi-Juwelier in der Auslage ihren Verlobungsring entdeckt hat. Die Gravur ließ keinen Zweifel zu, er war es wirklich! So gerne sie ihn wiedergehabt hätte, der Preis für das schöne alte Stück lag jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten.

Das sind jene ganz persönlichen Dinge, die mir spontan einfallen, wenn über Restitutionsforderungen diskutiert wird. Schicksalshaft – sagen die Einen, und wischen Rückgabeforderungen vom Tisch. Wo ist die Grenze, fragen die Anderen. Ist das so wie beim Schnapsen: Welche Bummerln zählen wir mit?

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