Manchmal hat der Mensch Glück. Unverschämtes Glück sogar. Dann stellst du mit unendlicher Dankbarkeit im Herzen fest: Das ist noch einmal gut gegangen. Doch zurück bleibt ein dumpfes Gefühl der Angst.
Du weißt genau, du bewegst dich auf dünnem Eis. Was wäre wenn? Wenn dich der Boden nicht mehr trägt? Wenn du einbrichst und in einem schwarzen Loch versinkst? Soll man an dieses Horrorszenario denken, wenn man gerade noch einmal mit heiler Haut davongekommen ist? Ja, man soll. Gerade dann. Denn es gibt genug andere, die nicht so gut dran sind.
Eine kurzfristig angesetzte Operation. Es hört sich nicht gut an. Gerade noch rechtzeitig entdeckt. Und hinterher? „Sie werden etwa zwei Monate lang Ihre Arme kaum benützen können.“ Der Chirurg weiß, wovon er spricht. Nichts heben, nichts tragen, die einfachsten Verrichtungen werden zum unlösbaren Problem. Körperpflege, Ankleiden, Kaffeekochen – alles selbstverständlich?
Entlassungsmanagement
Ich lebe allein. Meine Bleibe ist ein kleines Gartenhaus in Niederösterreich. Sehr romantisch, aber alles andere als behindertengerecht. In Wien funktioniert das – die Nachsorge nach einem Spitalsaufenthalt. Angeblich. Zumindest wenn man den Werbeschriften der Krankenkasse Glauben schenken kann. Da wird seit neuestem das sogenannte „Entlassungsmanagement“ angepriesen: Kein Patient wird aus einem Wiener Spital entlassen, ohne dass für seine Betreuung und Pflege zu Hause vorgesorgt wird.
Wahr oder nicht wahr – es ist jedenfalls eine gute Idee. Auch junge, kräftige Menschen können durch eine schwere Krankheit vorübergehend zu einem körperlichen Wrack werden. Die Akutbetten in den Spitälern sind teuer. Die moderne Medizin macht es möglich, Patienten auch nach schweren Operationen wenige Tage danach schon „in häusliche Pflege“ zu entlassen.
Für Frauen selbstverständlich
Häusliche Pflege – was ist das? Normalerweise Mütter, Töchter, Schwestern, Großmütter oder - soll sein - die Urstrumpftante. Frauen sind bekanntlich nie gefragt worden, wie sie mit außergewöhnlichen Belastungen fertig werden. Was es auch ist: Frauen stehen ihren Mann. Doch wenn die Frau betroffen ist? Sie muss nicht einmal allein leben, so wie ich. Wenn ich mir vorstelle, wie früher etwa, der Papi und die lieben Söhne als Krankenpfleger? Selbst wenn sie guten Willens sein sollten, ohne Profihilfe klappt das kaum.
Professionelle Pflege auf Zeit
Profihilfe – das ist das Stichwort. Professionelle Pflege auf Zeit – gibt es das überhaupt? Beim derzeit heißt diskutieren „Pflegenotstand“ geht es nur um die 24-Stundenpflege alter Menschen. Also um eine Dauereinrichtung bis zum Lebensende. Das ist sicher ein ernstes Problem. Denn alt werden wir alle. Und leider oft auch hilflos und pflegebedürftig. Diese Dauerpflege kostet Geld. Viel Geld – Geld, das oft nicht vorhanden ist.
Daneben gibt es aber auch noch den Bedarf an temporärer Betreuung. Unfälle, Operationen, Krankheiten, nach denen man wieder gesund wird - hoffentlich. Trotzdem ist in solchen Extremsituationen Hilfe nötig. Rasch, effizient und unbürokratisch. Wie gesagt: Nicht auszumalen, wenn ich nicht solches unverschämtes Glück im Unglück gehabt hätte. Ich hatte exakt eine Woche Zeit, um meine Pflege für die Zeit nach dem Spitalsaufenthalt zu organisieren. Mit Telefon und Internet muss sowas doch möglich sein.
Ohne Pflegestufe keine Pflege
Drei Organisationen bieten ihre Dienste an: Die Caritas, das NÖ Hilfswerk und die Volkshilfe. Die Caritas im Raum Bruck/Leitha scheidet aus: Hier kümmert man sich nur um psychiatrische Fälle. Beim NÖ Hilfswerk in Hainburg kommt die Antwort schnell und präzise: Ohne amtlich zuerkannte Pflegestufe keine Pflege. Also schnellstens zum Amtsarzt, die Pflegestufe festlegen, denn das dauert seine Zeit. Aber bitte nicht hingehen, wenn man gesund ist, denn sonst bekommt man nichts bewilligt.
Ich versuche, der freundlichen Dame zu erklären, dass ich nicht hoffe, zu einem amtlich etikettieren Pflegefall zu werden. Ich hätte lediglich eine sehr schwere Operation vor mir und würde hinterher etwa zwei Monate lang Hilfe brauchen. Temporäre Hilfe, bis ich mein Leben wieder allein im Griff habe. Ich wäre natürlich auch bereit, dafür entsprechend zu bezahlen. Hauptsache, diese Übergangspflege klappt.
Ein klares Anliegen? Für mich vielleicht, nicht aber für die freundlichen Hilfe-Vermittler. Die Auskunft: Eine Stunde kostet 38,40 Euro, doch ich bekomme trotzdem keine Pflegekraft, selbst wenn ich diese stolze Summe aus eigener Tasche berappe, denn ohne amtsärztliche Anordnung läuft rein gar nichts. Wie gesagt: Keine Pflegestufe – keine Pflege.
Organisation als Selbstzweck
Bei der Volkshilfe sind mit meinem Anliegen gleich mehrere Stellen beschäftigt: Die Regionalleitung in Wiener Neustadt, die Bereichsleitung Schwechat und die für die Pflege zuständige Schwester in Bruck an der Leitha. Sie ist die Letzte in der Kette. Sie kann mich nicht weiterreichen. Also bleibt es an ihr hängen, mir die unangenehme Wahrheit mitzuteilen: Es ist Urlaubszeit, und es ist keiner da. Doch freundlicherweise setzt sie mich auf die Warteliste. Im Oktober vielleicht… Pech. Es muss im Juli sein.
Keine Ahnung, wie es weitergeht
Es ist schon ein verdammt mulmiges Gefühl, ins Spital „zum Schlachten“ einzurücken und nicht zu wissen, wie die Sache hinterher weitergeht. Erstes Blinzeln nach der Narkose im Aufwachraum. Erstes vorsichtiges Tasten nach dem Verband. Und dann die Erleichterung: Es ist nur ein kleiner Schnitt. Es ist mit der Minimalvariante gegangen. Der Brustkorb musste nicht geöffnet werden. Also keine Bewegungseinschränkung, nur die übliche Schonung nach einer solchen Operation.
Doch die Frage bleibt: Was wäre gewesen, wenn… Was wird sein, wenn die tückische Krankheit nochmals zuschlägt. Ein Abonnement auf’s Glück gibt es nicht. Und einen Rechtsanspruch darauf schon gar nicht.
Ein tröstlicher Anruf
Da liege ich in meinem frisch bezogenen Spitalsbett, freue mich über die freundlichen Pflegerinnen – es sind auch einige Burschen dabei – freue mich über die schöne Aussicht auf die Dächer von Wien, die sich wie ein Teppich unter dem Fenster ausbreiten – freue mich über den lauwarmen Tee und das herrliche Gefühl: Das Leben hat mich wieder. Da kommt dieser Anruf auf’s Handy. Die Volkshilfe. Ich soll nicht glauben, dass sie auf mich vergessen hätten. Aber leider…
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