Sehr geehrte Frau Ministerin

By schmecks

Die Dame und ihre Tasche

 

„Ich habe es dem Dieb zu leicht gemacht“ – so die zerknirschte Innenministerin über den frechen Handtaschl-Räuber in einem Wiener Nobel-Lokal. Die Tasche hing am Sessel – no na – wo sonst. Wo stellt man eine Handtasche beim Essen  hin? Auf den Schoß? – da rutscht sie runter.  Auf den Tisch? – da ist sie im Weg. Oder setzt man sich drauf? Oder legt man sie sich ins Kreuz und lehnt sich fest daran? Oder stellt man sie zwischen die Beine auf den Boden? Oder aber: Bitte, Herr Ober, noch einen Sessel  als Ablage.

 

Unser Problem sind unsere Gewohnheiten, die auf der Sicherheit eines kultivierten Landes basieren und nicht auf jenen Vorsichtsmaßnahmen, die uns etwa im Urlaub in einem Dritte-Welt-Land mit markantem Wohlstandsgefälle geläufig sind: Keine Handtaschen, wo alles drinnen ist und  keine Brieftaschen, griffbereit  mit allen Dokumenten. Auf Reisen, da wissen wir es ganz genau: Das sind offene Einladungen,  „sich zu bedienen“. Besonders gilt das für teure Handtaschen, getragen von Ladies, denen man ansieht, dass sich hier ein flinker Griff lohnt.

 

Ein billiges Plastikhandtaschl sticht einem Gauner weniger  ins Auge als eine Designertasche aus Schlangenleder oder Kroko. Eine einfache Frau mit der typischen Körpersprache der Untergebenen bietet sich weniger als Raubopfer an als eine gestylte Dame mit dem entsprechenden Auftreten. Tasche und Trägerin signalisieren: Hier ist was zu holen. Das zahlt sich aus. Nicht umsonst orientieren sich dienstbare Geister aller Art an der Handtasche einer Besucherin. Mit sicherem Instinkt wittern sie: Hier ist eine ordentliche Maut zu erwarten. In teuren Lokalen heißt das mitunter: Keine Tasche – kein Tisch.

 

Seit ich auch bei uns zu Hause so wie auf Reisen keine Brieftasche mehr mit mir herumtrage – die letzte ihrer Art wurde mir bei einem Einkaufbummel aus der verschlossenen Handtasche in einem Wiener  Innenstadt-Geschäft gestohlen – habe ich ein großes Problem: Ich suche ständig irgendetwas. Früher war alles handlich in der Börse: Ausweise, Führerschein, Kreditkarten,  e-card, Klubkarten, Mitgliedskarten, Rabattkarten, Bahnausweis, Wochenkarte – alles übersichtlich in den dafür vorgesehenen Steckfächern. Die ganze Identität eines Menschen zusammen mit dem Bargeld auf einen Griff. Und diesen Griff tat der p.t . Dieb. Ich bekam bei der Kassa einen halb erstickten Schreikrampf, als ich bezahlen wollte. Seither gibt’s keine Handtasche mehr und keine Brieftasche.

 

Als ich kürzlich in der U-Bahn angesichts eines  Schwarzkapplers gerade wieder einmal hektisch  in meinem Seesack zu kramen begann, der seit jenem peinlichen Vorfall die obligate damenhafte Handtasche ersetzt, meinte ein anderer Fahrgast schmunzelnd: „Geben S‘ ein Inserat auf: „Tüchtiger Kleinkrimineller zwecks Fahrkarten-Auffindung gesucht.“

 

Der Seesack ist besser als ein City-Rucksack, der allerdings den Vorteil hat, besser zu tragen zu sein. Einen Seesack trägt man über die Schulter unterm Arm. Vielleicht bekommt man davon irgendeinmal die gewisse schiefe Haltung, dafür erspart man sich das bekannte Rucksack-Dilemma: Von hinten geöffnet und diskret abgestiert, ohne dass man es merkt. Das ist mir leider auch schon passiert. Nur, dass diesmal keine Brieftasche mehr griffbereit zur Verfügung stand: Erschwerte Arbeitsbedingungen für den armen Dieb. 

 

Wobei wir wieder bei der Eingangsfeststellung wären: Unser Problem sind unsere Gewohnheiten, die auf den vertrauten Sicherheiten einer kultivierten Umgebung basieren. Bevor wir in Hinkunft dazu übergehen müssen, uns unsere Kreditkarten so wie im Urlaub in  den bekannt gefährdeten Regionen mit einen Pflaster auf den Bauch zu picken und das Wichtigste in einer Bauchtasche in der Unterhose zu tragen,  während die Tasche nur mehr als Attrappe dient – bevor wir wirklich solche Zustände bei uns in unserem „kultivierten Land“ einreißen lassen, dürfen wir uns bei einem anonymen Dieb bedanken, der diesmal ein prominentes Opfer erwischt hat, unsere Frau Innenministerin. Denn jetzt ist das Problem „amtlich“. Jetzt passiert vielleicht endlich etwas.

 

Sehr geehrte Frau Ministerin, ich hoffe, sie empfinden meine offenen Worte nicht als hohntriefend. Ich kann es Ihnen als anonyme Leidensgefährtin  wirklich nachfühlen, wie Ihnen zumute ist: Mist, verdammter! Zurück bleibt ein Gefühl der ohnmächtigen Wut. Und der Hilflosigkeit. Nur: Sie haben es ein bisserl leichter als wir Normalverbraucher, Sie können etwas tun, um Abhilfe zu schaffen. Kraft Ihres Amtes. Und nicht nur, weil gerade Wahlkampf ist…

 

Herzlichst Ihre

Elisabeth Pühringer

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