Telefonterrror

Die Telefonkeiler werden immer frecher und ihre Tricks immer gemeiner. Sie suchen sich gezielt alte Menschen aus, um sie zu überrumpeln. Diese berührende Geschichte habe ich vor einiger Zeit im Netz entdeckt und kopiert:

„Haben Sie Lotto gespielt?“ fragt die freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Und es klingt weniger wie eine Frage, sondern eher wie eine  sachliche Feststellung. Aha, wieder Eine.

„Ja!“ antworte ich ehrlich. Es ist mir peinlich. Ich muss zugeben, ich bin in eine Falle getappt. Da muss ich jetzt wieder raus. Ein Vertrag mit einer deutschen Gesellschaft, zufällig zustande gekommen durch ein Telefongespräch. Aber ich habe diesen seltsamen Vertrag schriftlich gekündigt. Nur an meinem Konto bedienen sich die feinen Herrschaften noch immer.

Aber ein Gutes hat sie Sache trotzdem: Ich greife zum Telefon und rufe meine Bank an. Die sollen das zurückbuchen. Ich überwinde mich und tu es. Telefonieren ist mein Angstgegner. Aber es muss sein. Ich kann das nicht einfach hinnehmen, dass diese Geschäftemacher mein Konto als Selbstbedienungsladen betrachten. Also überwinde ich meine Angst vorm  Telefonieren.

Am Telefon, da wirkt sich mein Gebrechen besonders schlimm aus. Die geringste Aufregung, der kleinste emotionale Druck, und mein kläglicher kleiner Stimmrest ist weg. Nichts geht mehr. Nur mehr ein hilfloses, heiseres Krächzen. Der Rest des „Gespräches“  ist vorprogrammiert. Es folgen Sätze wie „Was wollen Sie? Reden Sie deutlicher, ich kann Sie nicht verstehen.“  Würde ich ja gerne, aber es geht nicht.

Die Bankdame ist freundlich. „Regen Sie sich doch nicht so auf. Sie sind weder die Erste noch die Einzige.“  Leise reden, ganz leise, rede ich mir selbst  gut zu. Flüstern, dann geht es am ehesten. „Können Sie mich hören?“ hauche ich ins Telefon.

„Ja, natürlich!“ kommt die Antwort „Sie haben aber eine ordentliche Erkältung erwischt!“ Ja, natürlich. Das ist es. Eine Erkältung. Die verpfuschte Operation in dem kleinen Provinzspital, das geht keinen etwas an. Ich bin für alle Zukunft ein Krüppel. Das ist meine Privatangelegenheit.

Alles kein Problem. Der strittige Betrag wird rückgebucht und der Täter gesperrt. Die Firma hat in Hinkunft keinen Zugriff mehr auf mein Konto. Erledigt. Vergiss es.

Und das ist die Vorgeschichte: Das ist jetzt drei Jahre her. Da kam dieser verhängnisvolle Anruf, der mich aus meiner beschaulichen Ruhe aufscheuchte. Die Tage plätscherten vorbei. Ruhig. Ereignislos. Mir geht’s doch gut, sagte ich mir. Ein echtes Pensionistendasein. Gesteuert von Radio und Fernsehen. Nur manchmal, da war es schlimm. Da kam es mir zum Bewusstsein, dass das Leben vorbei ist. Es war schön, es war bunt, aber es ist vorüber. Endgültig. Nichts passiert mehr, das wert wäre, erwähnt zu werden. Bis zu diesem fatalen Anruf.

Eine fröhliche frische Stimme. Sie zerreist das graue Einerlei des Herbsttages. Der Wortschwall kommt aus Deutschland, nicht zu überhören. Doch sonst verstehe ich nichts von dem Geschnatter. Ich versuche, das  Telefonmädchen einzubremsen. Sie lacht. „Ja, ich weiß. Mein Akzent!“ Ihre Munterkeit tut mir gut.

Sie bezieht sich auf einen bekannten deutschen Fernsehmoderator. Stimmt, dem habe ich einmal geschrieben. Er hat medienwirksam nach Themen gesucht. Könnte ich nicht? Sollte ich nicht? Das wär‘ doch was! Ist das nicht das berühmte kleine Licht am Horizont? Du musst nur dran glauben!

Irgendwann kam von dem Sender ein Brief. Ein Vordruck: Es hat uns sehr gefreut. Leider. Na immerhin etwas. In Österreich wäre die Antwort wahrscheinlich „schmecks!“ gewesen. Und jetzt ruft das Mädchen an! Plötzlich habe ich das Gefühl, ich lebe wieder. Wenn sie wüsste, wie gut mir das tut. Da ist wieder ein Mensch, der sich für Dich interessiert.

Als ich den Irrtum merke, zapple ich bereits ihn ihrem Netz. Ich hätte ihr genauso ein Zeitungsabo abgekauft wie eine Reise zum Mond gebucht. Nein, weder noch. Die freundliche Stimme am Telefon bietet mir an, Lotto zu spielen. Warum nicht, denke ich mir. Ein Lottogewinn, das wäre schön! Gib dem Glück eine Chance. Wenn Du nicht mitspielst, kannst Du auch nicht gewinnen.

Es wäre hinterher leicht, zu sagen, die Stimme hätte mir einen Gewinn versprochen und man bräuchte nur meine Konto-Nummer, um mir die Summe zu überweisen. Nein, so war das nicht. Ich habe ganz bewusst am Telefon einen Vertrag abgeschlossen und meine Bankverbindung bekannt gegeben. Die Bestätigung würde schriftlich kommen.

Nichts kam. Ich strich die freundliche Stimme aus meiner Erinnerung. Rückblickend war es wie ein Irrlicht in meinem grauen Einerlei. Habe ich mich wirklich eine Viertel Stunde lang mit einer wildfremden Frau am Telefon unterhalten? Und sie hat mich problemlos verstanden. Ohne das ebenso gefürchtete wie vertraute „Was wollen Sie! Sprechen Sie deutlicher! Ich kann Sie nicht hören!“ Ein ganz normales Telefongespräch unter ganz normalen Leuten. Ein Telefongespräch eben, wie Hundertausende am Tag auf der ganzen Welt.

Meine Bankgeschäfte laufen über den Computer. Das ist praktisch und einfach. Viel ist es ohnehin nicht mehr. Die laufenden Zahlungen sind Daueraufträge, einiges wird über die Kreditkarte abgebucht, ab und zu zahle ich etwas mit der Bankomat-Karte. Alles leicht überschaubar. Da fällt ein ungewöhnlicher Betrag sofort auf.

Da! Die deutsche Lottogesellschaft! Also ist der Vertrag doch zustande gekommen! Ich weiß zwar weder eine Losnummer, noch kenne ich die genauen Bedingungen des Spiels, aber ich habe bereits vollautomatisch meinen monatlichen Beitrag geleistet.

Was mich dabei irritiert: Ich habe nichts Schriftliches in der Hand. Ich habe nichts unterschrieben. Wieso können die von meinem Konto etwas abbuchen? Einfach so? Ich mache mich im Internet schlau. Ein deutsches Diskussionsforum. Ja, das ist möglich, werde ich belehrt. Es genügt, die Konto-Nummer zu kennen. Und die habe ich ja freiwillig bekannt gegeben.

Der Vertrag mit der deutschen Lotto-Gesellschaft sollte ein halbes Jahr laufen. Nach drei Monaten habe ich ihn schriftlich gekündigt. Besser lieber rechtzeitig. Wer weiß, wie lang die Kündigungszeit ist. Das kann mitunter drei Monate sein. Die Antwort darauf war eine Gewinnverständigung. Super. 50 Euro habe ich gewonnen. Die freundliche Firma hat das Geld sofort wieder in ein neues Los investiert. Ist der Vertrag jetzt verlängert worden?

Ein Monat vor Vertragsende schreibe ich nochmals. Keine Antwort. Nur der monatliche Obolus für das Spiel wird brav von meinem Konto abgebucht. Jetzt ist keine freundliche Stimme am Telefon mehr da.

Ich lasse den Betrag rückbuchen. Ein halbes Jahr war ausgemacht. Jetzt ist Schluss! Noch ein letzter Brief. Die Drohung mit dem Konsumentenschutz nützt. Endlich eine Antwort: Man könne gar nicht verstehen, warum ich mich so aufrege. Es sei doch alles nur zu meinem Besten. Und warum ich auf meine große Chance im Leben verzichten wollte.

Das war mein Lotto Abenteuer. Ich habe dabei nicht nur einmal 50 Euro gewonnen, sondern als Draufgabe noch eine wesentliche Erkenntnis: Das Leben ist immer das, was man daraus macht.  Und wenn die grauen Nebel wieder aufzusteigen drohen, dann denke ich an die fröhliche Stimme, die mich seinerzeit aufgefangen hat.  Gerade im richtigen Moment, bevor ich ganz tief in das schwarze Loch hineingeplumpst bin.

Vergiss es? Geht nicht. Die Sache hat ein Nachspiel. Jetzt steht mein Name nämlich offenbar auf der DA-Liste. DA – das ist eine feine Umschreibung für eine peinliche Tatsache.  Der Ausdruck stammt übrigens von meiner Bankbetreuerin, die mir damals hilfreich und anonym die Hand gereicht hatte. DA – das ist die Abkürzung für „Depperte Alte“.

Ich habe darüber nicht Buch geführt, wie oft an manchen Tagen das Telefon klingelt.  Und auch nicht darüber, was ich bei diesen Gelegenheiten  so alles angeboten bekommen hätte. So genau will ich das gar nicht wissen. Weiblich, alt, alleinstehend. Das sind die Auswahlkriterien. Keine Ahnung, wie die Herrschaften an diese Daten herankommen. Offensichtlich wird damit ein schwungvoller Handel betrieben. Also ein gutes Geschäft.

Manchmal ist das lästig. Wenn mir nicht nach Reden zumute ist, gehe ich nicht ans Telefon. Viel verpasst habe ich dabei bestimmt nicht. Aber wenn mir nach Reden zumute ist, dann gehe ich dran an den Apparat. Hallo! Ist dort jemand, der sich von mir emotional ausbeuten lässt?!

Erzählen Sie mir, was haben Sie Schönes für mich? Vielleicht einen Staubsauger, dessen Abluft so gut ist, dass sie glatt einen Kuraufenthalt ersetzt? Oder wollen Sie meine Meinung zu einer herrlichen Schönheitscreme wissen, die Falten und Jährchen einfach wegzaubert? Nein? Sie machen eine Meinungserhebung über Essgewohnheiten? Auch gut.

Ich denke an die vielen Therapiesitzungen beim Logopäden. „Atmen Sie tief ein. Kurz und stoßartig ausatmen. Sprechen Sie mir nach: mamamamama…momomonmo…mimimimimi. Grade sitzen. Den Kehlkopf frei schwingen lassen. Mumumumumu…“ Alles für die Katz! Das Einzige, das Sinn macht, ist der Rat der Psychologin: „Hüten Sie sich vor schwerhörigen Menschen.“

Mühe, Geld und Kraft habe ich in diese Behandlungen investiert. Das Ergebnis ist dürftig. Dank der DA-Liste bekomme ich es am Telefon gratis. Und es wirkt. Kürzlich habe ich sogar laut und vernehmlich drauflos gekeift: „Jetzt lassen Sie mich doch endlich in Ruhe!“

 

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