„An vieles denken anständige Menschen nicht, weil sie sich ein solches Maß von Niedertracht nicht vorstellen können!“ Die alte Dame war sehr verzweifelt als sie mir diese Geschichte erzählte.
Wir haben uns vor einem knappen Jahr kennengelernt, als ich ihr dabei half, ihren PC wieder zum Laufen zu bringen. Eine Virusattacke hatte ihn außer Gefecht gesetzt, offenbar passiert beim Blogschreiben. Plötzlich erhielt sie die Fehlermeldung: „Achtung Identitätsdiebstahl!“ Und dann ging gar nichts mehr.
70 Jahre und ein blog? Alles kann man lernen, wenn man es will. Und sie wollte. Sie schreibt über alles, was sie bewegt. Über ihre Katze, ihren Hund, ihre Blumen, die Gartenarbeit – genauso wie über ihre Erinnerungen und über die Tagespolitik, wie sie Zeitung, Radio und Fernsehen frei Haus liefern. Sie engagiert sich, kommentiert, was ihr gefällt und vor allem, was ihr nicht gefällt.
Sie hat neben ihrem blog noch einen facebook-account, erledigt ihre Bankgeschäfte per Computer, bestellt sich Bücher im Netz, und im Nu hatte sie eine ganze Menge Freunde aus der ganzen Welt. Das Internet und seine Möglichkeiten sind für Ältere genauso faszinierend wie für die Jungen, wenn man einmal dahinter kommt, wie das geht. Alles keine Hexerei.
Und jetzt soll das alles aus und vorbei sein? Der Grund der Verzweiflung: Eine Ehrenbeleidigungsklage, ein Versäumnisurteil, eine Exekutionsklage. 2.500 Euro, weggepfändet von einer schmalen Pension, die gerade fürs Leben reicht. Eine alte Frau versteht die Welt nicht mehr.
Die Vorgeschichte ist banal. Ein Stück ganz normaler Alltag, wie es jedem von uns schon passiert ist. Unsere blog-Freundin ist in einen Verkehrsunfall verwickelt worden und dabei an einen Unfallgegner geraten, der nichts unversucht lässt, sich von seiner Verantwortung zu drücken. Als die alte Dame merkte, dass sie dabei übrig blieb, machte sie ihrem Ärger in ihrem blog Luft.
Da passierte die Sache mit dem Systemabsturz. Schon ein seltsamer zeitlicher Zusammenhang. Gemeinsam haben wir versucht, zu rekonstruieren, wie das passiert sein könnte. Der deutsche blog-Betreiber bietet seiner Community einen sehr praktischen mail-Service: Wenn jemand einen blog-Eintrag kommentiert, erhält der blog-Inhaber ein mail. Man braucht es bloß anklicken und landet automatisch bei dem neuen Eintrag. Besonders nützlich ist diese Dienstleistung, wenn zu älteren blog-Einträgen Kommentare kommen, denn die würde man sonst gar nicht bemerken.
„Ich habe mich echt gewundert, dass es jemand gibt, der einen derart alten Beitrag von mir kommentiert,“ erzählt meine blog-Omi. Sie hatte damals über eine Wiener Festwochen-Inszenierung geschrieben, die es ihr angetan hat. Wie gern hätte sie das Stück selbst gesehen, aber Festwochen-Karten sind für eine kleine Pensionisten unerschwinglich. Also begnügte sie sich mit der ausführlichen Zeitungskritik darüber und bloggte ihre Meinung dazu.
Natürlich ist sie geschmeichelt, dass jemand ein dreiviertel Jahr später darauf zurückkommt. Sie klickt das Verständigungsmail an und freut sich schon auf eine spannende Diskussion mit einem neuen Gast auf ihrem blog. Die Enttäuschung war allerdings groß, denn der Kommentar war nur ein kurzes und belangloses blabla.
Als wir den PC wieder zum Laufen gebracht hatten, will sie mir diesen Kommentar zeigen, doch es gibt ihn nicht mehr. „Das ist doch nicht möglich! Ich bin mir völlig sicher!“ Die Möglichkeit, dass sie sich geirrt haben könnte, weist sie energisch zurück. Das automatisch zugesandte Verständigungsmail des blog-Betreibers ist längst gelöscht.
„Ich würde niemals ein mail öffnen, wenn ich den Absender nicht kenne!“ beteuert die Senior-Bloggerin. Sie kennt die Spielregeln. Aber bei diesen Kundendienst-Verständigungen hat sie sich nichts Böses gedacht. Doch genau das muss die Einflugschneise für die Virusattacke gewesen sein. Jetzt ist alles klar. Weg damit.
Wie zur Bestätigung dieser Überlegung kommt just in diesem Moment, als wir beide vor dem Bildschirm sitzen und den blog durchchecken, wieder so eine Verständigung, dass ein alter blog-Beitrag kommentiert worden sei. Wer immer dahintersteckt, diesmal hat er sich vergeblich bemüht: Wir haben diese Service-Funktion sofort deaktiviert.
Alles in Ordnung? Mitnichten! Ein Anwalt verlangt, den blog sofort zu löschen, weil sein Klient sich dadurch beleidigt fühlt. Erraten: Der beleidigte Klient ist der seinerzeitige Unfallgegner der Bloggerin. Was bildet sich der Kerl eigentlich ein! Zuerst verschuldet er einen Unfall und lügt dass sich die Balken biegen und dann regt er sich darüber auf, dass sich der andere wehrt.
Die Bloggerin entschuldigt sich schriftlich. Sie will keinen Ärger, sondern nur das Geld von der Haftpflichtversicherung, das ihr zusteht. Nur darum hat sie diesen blog geschrieben. Einen offenen Brief im weltweiten Netz, um den Täter ins Gewissen zu reden. Der Name war zwar abgekürzt, aber der Kerl muss sich trotzdem betroffen gefühlt haben. Ab zum Anwalt. Klagen. Das kann er. Und das nötige Kleingeld dafür hat er auch. Publikationen im Internet, das bedeutet eine „qualifizierte Öffentlichkeit“. Paaaaaaast! Schuldig! Rein formal. Was dahinter steckt, zählt nicht.
Der Versicherungsfall ist noch immer nicht geklärt, wohl aber die angebliche „Ehrenbeleidigung“. Und ich als Zaungast der blöden Geschichte frage mich: Wie ist so was möglich? Ist das ein schlechter Witz? – Nein, es ist wahr. Leider.